Hintergrund

Ist der klassische Abfahrer vom Aussterben bedroht?

Dass erst jahrelange Weltcup-Erfahrung einen Abfahrer erfolgreich macht, war einmal. Der Weg zum Erfolg führt in den Speed-Disziplinen immer öfter über einen guten Riesentorlauf-Schwung. Der neue Siegertypus in der Abfahrt:

Ist der klassische Abfahrer vom Aussterben bedroht? Foto: © GEPA

Was braucht es, um auf der berüchtigten Streif zu gewinnen? Extremen Mut, perfekte Technik, viel Erfahrung - könnte man meinen.

Gerade beim letzten Punkt, der Erfahrung, scheiden sich mittlerweile die Geister. Über Jahrzehnte hielt sich die Meinung, ein guter Abfahrer brauche Routine, um die herausfordernden Highspeed-Strecken erfolgreich zu meistern.

Eine Annahme, die anno 2026 nicht mehr vollends zutrifft, wie ÖSV-Speed-Star Vincent Kriechmayr in Kitzbühel anmerkt.

Dass erst jahrelange Weltcup-Erfahrung einen Abfahrer erfolgreich macht, war laut Kriechmayr "früher mehr" der Fall. "Mittlerweile kommen die Jungs und drücken gleich kompromisslos an."

Als Beispiel nennt er Marco Odermatt und Shootingstar Giovanni Franzoni.

Jung und Alt in den Top 10 der Abfahrt

Odermatt fuhr in seiner 18. Weltcup-Abfahrt erstmals aufs Podest, seinen ersten Sieg in der Königsdisziplin feierte er beim 38. Antreten. Franzoni brauchte 17 Abfahrten für sein erstes Podest, auf den ersten Sieg wartet der Italiener noch.

Zum Vergleich: Kriechmayr holte seinen ersten Podestplatz in seiner 33. Abfahrt, der erste Sieg folgte gleich darauf im 35. Rennen.

Von den aktuellen Top 10 des Abfahrts-Weltcups sind fünf Athleten unter 30 Jahren. Die Jüngsten sind Franzoni und Franjo von Allmen mit jeweils 24 Lenzen, der Älteste Dominik Paris mit 36. Das Durchschnittsalter in den Top 10 beträgt 29,6 Jahre.

Top 10 des Abfahrts-Weltcups:

Rang

Athlet

Alter

1

Marco Odermatt

28

2

Franjo von Allmen

24

3

Dominik Paris

36

4

Vincent Kriechmayr

34

5

Florian Schieder

30

6

Giovanni Franzoni

24

7

Nils Allegre

32

8

Alexis Monney

26

9

Ryan Cochran-Siegle

33

10

Nils Alphand

29

"Grundsätzlich ist die Erfahrung in den Speed-Disziplinen immer wichtig, aber ja, das hat sich ein bisschen verschoben", sagt Marco Büchel, Ex-Rennfahrer und nunmehriger ZDF-Experte, im Gespräch mit LAOLA1. "Das hängt damit zusammen, weil die Abfahrten so konzipiert sind, dass Schwung auf Schwung stattfindet. Das heißt, du kannst alles auf Zug fahren."

Büchel erläutert anhand des Beispiels Kitzbühel: "Früher war die Traverse offen gesetzt, da gab es eine Linkskurve hinein in die Traverse und mit Mut konnte man, wenn man wollte, schneller fahren. Da war Erfahrung wichtig. Jetzt ist es so gesetzt, dass das Tempo sehr oft kontrolliert wird und dass auch ein Riesentorlauf-Fahrer ziemlich schnell sein kann in der Abfahrt."

Der neue Siegertypus in der Abfahrt

Während sich der Faktor Erfahrung auf vielen Strecken also nicht mehr entscheidend auswirkt, wird der Faktor Technik immer wichtiger.

"Viele Klassiker-Strecken haben viele technische Passagen im Profil. Meiner Meinung nach ist es von Vorteil, wenn du einen technisch gut ausgebildeten Abfahrer hast, der mutig ist", erklärt ÖSV-Männer-Cheftrainer Marko Pfeifer.

Sowohl Marco Odermatt als auch Giovanni Franzoni oder der aktuell rekonvaleszente Cyprien Sarrazin verkörpern diesen neuen Siegertypus im Abfahrtssport.

Ich glaube, in Zukunft braucht es diese Riesenslalom-Technik, um im Abfahrtssport ganz vorne zu sein.

Marco Odermatt

Odermatt sagt über Franzoni: "Er fährt einfach unglaublich gut Ski, kommt wie ich vom Riesenslalom. Ich glaube, in Zukunft braucht es diese Riesenslalom-Technik, um im Abfahrtssport ganz vorne zu sein."

Franzoni habe "den Ski immer unter dem Körper, er hat ständig den Zug, fährt unglaubliche Radien. Er ist ein guter Riesentorläufer", merkt auch Kriechmayr an.

"Ein guter Riesentorlauf-Schwung ist die Voraussetzung", findet Büchel. "Früher waren die Abfahrer Abfahrer, aber mittlerweile ist es so, dass du vom Riesentorlauf fast nahtlos auf die Abfahrt umsteigen kannst. Umgekehrt geht das nicht."

ÖSV setzt weiter auf beide Spezies

Beim ÖSV sieht man die Spezies des "klassischen" Abfahrers aber nicht vom Aussterben bedroht.

"Diese universell kompletten Skifahrer wie Odermatt oder früher Kjus, Aamodt und Svindal sind Ausnahmekönner. Odermatt ist sowohl bei den Gleitabfahrten als auch bei den technischen Abfahrten schnell. Aber es gibt auch die Vollblut-Abfahrer, die technisch vielleicht nicht so versiert sind, aber auch gewisse Strecken haben, wo sie gewinnen können."

Man werde daher auch in Zukunft auf beide Typen von Abfahrern setzen, sagt ÖSV-Alpin-Chef Christian Mitter.

"Wir müssen beide Wege offenhalten. Es gibt den über die Technik kommenden Weg, der immer wieder funktioniert. Aber wir dürfen auch den Weg nicht versperren für Leute, die Fähigkeiten mitbringen, die uns vielleicht ein bisschen abgehen – zum Beispiel Gleitkurven und längere Passagen. Wir schauen schon, dass wir den einen wie den anderen Weg zulassen. Oben kommen eh die besten zusammen und dann sollen sie sich matchen, wer der Beste ist."

Der Beste wird auch am Samstag auf der Streif gewinnen.

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