LAOLA1: In Wengen gab es am vergangenen Wochenende in der vierten Saison-Abfahrt endlich den ersten Podestplatz für Österreich. Wie groß war die Erleichterung?
Andreas Evers: Ich glaube, die Erleichterung war in der oberen Führungsetage am größten. Die Athleten sind zwar froh, wenn sie nicht mehr so oft auf das Thema angesprochen werden, aber am Endes des Tages fährt eh jeder für sich allein. Trotzdem war es natürlich ein erfreuliches Ergebnis für den Vinc (Vincent Kriechmayr, Anm.).
LAOLA1: Auch wenn der Rückstand auf Sieger Marco Odermatt mit knapp acht Zehntel groß war?
Evers: Auf den Sieg hat es natürlich weit gefehlt. Aber dass Odi in Wengen überragend ist, weiß man. Er hat nicht umsonst so oft dort gewonnen. Die Strecke ist ihm auf den Leib geschneidert. Er ist uns offensichtlich einen Schritt voraus.
Wir haben nicht die Menge an Athleten, die für ganz vorne infrage kommen. Aber ich bin schon guter Dinge, dass wir in der Saison noch vorne aufschlagen.
LAOLA1: Du hast vor der Saison gesagt: "Siege, Kugeln und Olympiamedaillen sind das Ziel und auch der Anspruch, den wir in Österreich in der Abfahrt haben müssen". Mehr als ein zweiter Platz war bisher nicht drin, von einer Kugel sind wir weit entfernt.
Evers: Beim Auftakt in Beaver Creek hat Vincent Kriechmayr einen Fehler gehabt, sonst wäre er wohl am Podium gewesen. Da war zumindest der Speed da, der uns in Gröden gefehlt hat. Da haben wir definitiv sehr schlecht abgeschnitten. In Wengen war abgesehen von Vinc Daniel Hemetsberger auch sehr gut dabei. Bei Stefan Babinsky haben Kleinigkeiten nicht zusammengepasst. Darüber hinaus sind wir in der Abfahrt dünn aufgestellt. Raphael Haaser fehlen noch die Kilometer, wenn er konstant zwischen Platz zehn und 20 fährt, passt das. Beim Rest war es einfach zu wenig. Jetzt müssen wir weiterkämpfen. Wir sind nach wie vor noch nicht da, wo wir hinwollen. Wir haben nicht die Menge an Athleten, die für ganz vorne infrage kommen. Aber ich bin schon guter Dinge, dass wir in der Saison noch vorne aufschlagen.
LAOLA1: Was fehlt für ganz vorne?
Evers: In der Abfahrt braucht man den Flow, die Leichtigkeit. Das fehlt etwas, das ist alles ein bisschen erzwungen. In Wengen hatten wir zudem Mängel bei den Innenlagen und der Belastung am Ski. Das sind viele Kleinigkeiten, die aber in Summe einfach etwas ausmachen. Wir müssen weiterarbeiten und uns reinknien, aber auch die Lockerheit haben zum Schnellsein.
LAOLA1: Wie bekommt man diese Lockerheit, wenn die Ergebnisse nicht so sind, wie man es sich vorstellt?
Evers: In dem einmal einer durchschlägt. Stefan Eichberger wäre so ein Kandidat gewesen, der dieses Potential gehabt hätte. Den haben wir leider für die ganze Saison verloren.
LAOLA1: Ganz ehrlich: Hast du dir die Aufgabe als ÖSV-Abfahrtschef leichter vorgestellt?
Evers: Nicht unbedingt. Dass es ein bisschen Aufholbedarf gibt, war mir schon bewusst. Diese Herausforderung wollte ich auch. Wir haben noch ein Stückchen Arbeit vor uns, müssen versuchen, uns von Fahrt zu Fahrt zu verbessern und nach vorne zu kommen. Aber ich bin guter Dinge.
LAOLA1: Du bist schon lange im Trainergeschäft, hast schon Hermann Mayer und Co. gecoacht. Was unterscheidet die aktuelle Rennläufer-Generation von der früher?
Evers: Es gibt solche und solche Athleten, manche unterscheiden sich gar nicht so sehr von der früheren Generation. Aber im Allgemeinen ist die Jugend schon sehr verändert. Das Handy macht einfach alles ein bisschen anders. Zum Beispiel die Kommunikation. Es wird alles nur mehr geschrieben und weniger face to face geredet, wodurch man schon besser in den Athleten eindringen kann. Aber man muss sich anpassen und versuchen, das Beste daraus zu machen. Ändern wird sich das ja nicht mehr.
LAOLA1: Österreich hat über viele Jahrzehnte den Abfahrtssport geprägt, diese Zeit ist längst vorbei. Du hast bei deiner Rückkehr zum ÖSV gesagt, du bist optimistisch, dass wir schnell wieder eine Abfahrtsnation werden. Was macht dich so optimistisch, dass wir dort wieder hinkommen?
Evers: Ich muss optimistisch sein. Wir werden daran arbeiten und in Zukunft gewisse Dinge sicher ein bisschen anders angehen.
LAOLA1: Was konkret?
Evers: Wir werden ein bisschen mehr Leistung einfordern. Nicht unbedingt von den Topleuten, aber allgemein. Es braucht ein bisschen mehr Härte und den Willen zum Sieg und nicht nur zum Dabeisein.
LAOLA1: Hat Österreich in der Abfahrt genug Athleten mit dem Sieger-Gen?
Evers: Wir haben schon ein paar, aber wir könnten mehr haben, das ist auch Fakt. Es gibt diejenigen Athleten, die, wenn es nicht läuft, stinksauer auf sich selbst sind und einfach versuchen, die Dinge zu ändern und anzupacken. Und es gibt andere, die sagen: Dann halt vielleicht beim nächsten Mal. Das ist die falsche Einstellung.
LAOLA1: Marco Odermatt und Franjo von Allmen bewegen sich am absoluten Limit. Warum ist es für die Konkurrenz so schwierig, da heranzukommen?
Evers: Die beiden sind überragend und legen die Latte sehr hoch. Aber ich glaube, die anderen sind nicht so weit weg, da sind wir Österreicher auch dabei. Aber ja, man muss bereit sein, ans Limit zu gehen. Daran gilt es sich zu orientieren und heranzuarbeiten.
LAOLA1: Schaut ihr euch von den Schweizern etwas ab? Wenn ja, was?
Evers: Natürlich schaut man, was die Konkurrenz macht und wie sie Dinge angehen. Aber das muss dann immer auch zu einem Athleten passen, da hat ja jeder seinen individuellen Stil. Odermatt und von Allmen sind ja auch verschieden. Odermatt hat einfach einen genialen Schwung und von Allmen hat einen enormen Trieb am Ski. Und sie fahren beide halt komplett am Limit.
Ich bin überzeugt, dass es bis zu den Olympischen Spielen 2030 wieder neue Gesichter geben wird, von denen man jetzt vielleicht noch nicht glaubt, dass die dabei sein werden.
LAOLA1: Wie siehst du das Abfahrts-Team für den nächsten Olympia-Zyklus bis 2030 aufgestellt? Mit Vincent Kriechmayr und Daniel Hemetsberger gibt es zwei Routiniers, deren Karrieren wohl eher früher als später enden werden. Gibt es genug Athleten, die nachrücken?
Evers: Genug nicht, aber ich bin überzeugt, dass es bis zu den Olympischen Spielen 2030 wieder neue Gesichter geben wird, von denen man jetzt vielleicht noch nicht glaubt, dass die dabei sein werden. Und es werden welche dabei sein, die um Medaillen mitkämpfen.
LAOLA1: An wen denkst du da?
Evers: Ich habe schon Namen im Kopf, aber die werde ich jetzt nicht nennen (lacht).
LAOLA1: Planst du in der Abfahrt mittelfristig auch wieder mit Marco Schwarz?
Evers: Ja, schon. Er soll jetzt mal sein Slalom-Programm durchziehen und dann sieht man eh, wo die Reise hingeht. Das muss von ihm selbst kommen. Ich glaube, er will das (Abfahrt fahren; Anm.) schon, aber es ist ihm der Slalom einfach eine Herzensangelegenheit. Wenn du mal die Nummer eins warst, gibst du den nicht einfach so auf. Das kann ich zu 100 Prozent verstehen.
LAOLA1: Hast du für die kommenden Olympischen Spiele schon eine Aufstellung im Kopf?
Evers: Vincent Kriechmayr ist klar, und bei zwei anderen schaut es auch gut aus. Aber es ist noch ein Rennen und jeder hat noch die Möglichkeit, sich ins Team reinzufahren. Diejenigen, die das Potential für Medaillen haben, sollen dabei sein. Touristen brauchen wir keinen dabei.