NEWS

Klammers Olympia-Husarenritt jährt sich zum 50. Mal

Der Kärntner gewann vor 50 Jahren Olympia-Abfahrtsgold am Innsbrucker Patscherkofel. Eine Jubiläumsfeier und Legendenrennen sind zum "Runden" geplant.

Klammers Olympia-Husarenritt jährt sich zum 50. Mal Foto: © GEPA

1:45,73 Minuten. Eine Zeit, eingebrannt ins kollektive österreichische Gedächtnis. Am 5. Februar 1976 raste der 22-jährige Franz Klammer bei der Olympia-Abfahrt am Innsbrucker Patscherkofel vor 60.000 Zuschauern in einem Teufelsritt zu Olympia-Gold in der Abfahrt.

Eine ganze Nation fieberte mit und geriet in Ekstase. Aus dem Bergbauernbuben aus dem Kärntner Mooswald wurde eine unsterbliche Nationalikone. Am Donnerstag jährt sich Klammers Triumph für die Ewigkeit zum 50. Mal.

Als sich die Nation bereits in den Armen lag und nachdem Reporter-Legende Edi Finger senior zuvor atemlos "1:42, 43, 44, jawohl Bestzeit! 1:45,73 für unseren Franzi Klammer" in das Radio-Mikrofon geschrien hatte, fühlte sich Klammer "so leer, so erleichtert und so glücklich", wie er im ersten TV-Interview im Ziel kundtat.

"Mich hats owagebeutelt von oben bis unten. Ich hätte nicht gedacht, dass ich Bestzeit fahre. Das ist der schönste Tag in meinem Leben. Ich hab' so viele Fehler gemacht, bin aber g'fahren, was 'gangen ist", kommentierte der Kärntner. 33 Hundertstel lag er vor Titelverteidiger Bernhard Russi aus der Schweiz. Dieser umarmte ihn im Ziel und gratulierte. Jener denkwürdige Tag in Tirols Landeshauptstadt wird beide für immer verbinden. Es entstand eine Freundschaft fürs Leben. Aus "Klammer gegen Russi" wurde "Klammer und Russi".

Erstmals seit Egon Zimmermann, der 1964 an selber Stelle triumphiert hatte, kam der Abfahrts-Olympiasieger wieder aus Österreich. Die Abfahrt fand am zweiten Tag der Winterspiele statt - und diese hatten bereits ihren ultimativen Höhepunkt.

"Ganzes Volk hatte er auf seinem breiten Buckel geschleppt"

Der Erwartungsdruck, der auf Klammer lastete, war enorm gewesen. Er war als erklärter Favorit in das Rennen gegangen. Im Weltcup hatte der aufstrebende Star seit dem Winter 1974 dominiert, von den jüngsten 13 Abfahrten nicht weniger als zehn gewonnen. "Ein ganzes Volk hatte er auf seinem Buckel geschleppt, ganz Österreich saß ihm im Nacken", hieß es später treffend in einem Kommentar. Oder woanders: "Die ganze Nation stand hinter Franz bereit, ihn zu umarmen, ihn zum Triumph zu peitschen - aber die Nation forderte auch den Sieg am Patscherkofel."

Problematisch war dann sowohl die lange Wartezeit vor seinem Start als Letzter der Topgruppe mit Nummer 15, als auch der Umstand, dass Ausrüster Fischer Klammer dazu bewegen wollte, vor einem globalen Millionenpublikum den neuen Lochski einzusetzen. Er optierte für sein bewährtes Modell, den berühmten C4.

Im oberen Streckenteil hatte Klammer zudem mit einigen Problemen zu kämpfen. Bei der Zwischenzeit lag "der Franz" 19 Hundertstel hinter Russi, der 1972 in Sapporo Gold gewonnen hatte, und hinter dem Südtiroler Herbert Plank nur auf Rang drei. "Da habe ich gewusst, ich muss etwas machen, sonst werde ich das Rennen nicht gewinnen", sagte Klammer Jahre später im Gespräch mit der APA - Austria Presse Agentur.

Der Kärntner im legendären gelben Rennanzug und mit dem wilden Fahrstil samt rudernder Arme stürzte sich waghalsig in die letzten Kurven, vollzog einen permanenten Tanz am Rande eines Sturzes. Im schräg weghängenden "Bäreneck" verließ er meterweit die zuvor besichtigte Linie - und war schneller als alle anderen. "Das war wahrscheinlich die beste Kurve, die ich jemals gefahren bin." Dem Rivalen Russi nahm er auf den finalen 30 Fahrsekunden fünf Zehntel ab.

70! Happy Birthday, Ski-Kaiser Franz Klammer!

Schulfrei, Straßen leer, Betriebe stehen still

Es war eine Ausnahmefahrt in einem nationalen Ausnahmezustand. Später tausendfach medial dokumentiert, über die Jahrzehnte. Die Straßen, auch in der Bundeshauptstadt Wien, waren nahezu menschenleer, in den Schulen war früher Schluss, die Betriebe und Fabriken standen kurz still.

Stattdessen drängten sich Massen in den Gasthäusern und Cafés um die TV-Geräte. Und Massen in den Wohnzimmern zuhause. Alle Blicke, all die Erwartung, all die Hoffnung, all die Spannung war auf einen 22-jährigen, nach außen stets unbekümmert wirkenden Kärntner gerichtet. Österreich, einig Klammer-Land.

Abschied 1985

In seiner Laufbahn sollte Klammer anschließend noch zwölf Weltcuprennen gewinnen. Eine dreijährige Durststrecke überwand er, seinen letzten Weltcupsieg feierte der "Kaiser" 1984 in Kitzbühel.

Den Abfahrtsweltcup entschied er fünfmal (1975, 1976, 1977, 1978, 1983) für sich. Seine 25 Weltcup-Siege in der Abfahrt sind bis heute einsamer Rekord.

1985 gab Klammer bei einer Pressekonferenz in Las Vegas seinen Rücktritt bekannt. Dass er niemals den Gesamtweltcup geholt hat, bedauert er nicht. "Das ist müßig, da noch nachzuwassern. Das sind die Fakten, und so war es."

Von Beruf Franz Klammer

Von 1985 bis 1988 mutierte Klammer zum Autorennfahrer in der Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft (DTM) - und dies durchaus erfolgreich. Seit den 1990er-Jahren ist er Werbestar, Testimonial, Markenbotschafter, Konsulent für mehrere Unternehmen und Institutionen sowie als zu buchender "Ski-Guide" umtriebig.

So vertraut etwa auch die Kärnten Werbung seit langem auf die ungebrochene Strahlkraft eines der größten Söhne des Landes. Nur ein Ausflug in die Modebranche ging schief. Doch in erster Linie war und ist Franz Klammer vor allem eines von Beruf: Franz Klammer. Der Name steht für sich.

Der heute 72-jährige "Kaiser" hatte auch immer ein großes Herz: 1998 gründete er die Franz Klammer Foundation, die in Not geratene oder sozial benachteiligte Sportler unterstützt. Hier spielte auch eine Erfahrung im eigenen Umfeld mit: Sein Bruder Klaus ist seit einem Unfall bei einer FIS-Abfahrt in Lienz 1977 querschnittgelähmt.

Eine österreichische Legende ist Klammer bis heute geblieben. Ein Unikat, immer und überall gern gesehen, omnipräsent. Gesellig, locker, Optimismus und Lebensfreude ausstrahlend.

Legende, Film, Familie und "50er-Feier"

"Diese Geschichte des Bergbauernbuam, der zum Superstar wird. Und trotzdem immer ein 'Hands-on-Mensch' geblieben ist. Der in dem einen Moment die Hoffnungen einer ganzen Nation erfüllt. Dieser Olympiasieg bleibt ewig. Da steckt so viel Potenzial drinnen", beschrieb der Innsbrucker Historiker Wolfgang Meixner im APA-Gespräch das Phänomen Klammer.

Dies beweise auch, dass erst vor rund vier Jahren ein Kinofilm über Klammers monumentalen Sieg mit dem Titel "Klammer - Chasing the Line" herauskam und trotz Corona-Zeit mehr als 40.000 Menschen in die Kinos lockte.

Klammer ist seit 1979 mit seiner Eva verheiratet. Er lebt im 13. Bezirk in Wien sowie in seiner Heimat Mooswald in der Gemeinde Fresach. Klammer hat zwei Töchter, Sophie und Stephanie, und ist mittlerweile auch Opa. Sportlich aktiv ist der leidenschaftliche Golfer und Radfahrer nach wie vor - und vor allem viel unterwegs. "Er hat das Glück, ein Leben leben zu können, so wie er es will. Es ist keine besondere Kunst, eine glückliche Ehe zu führen, mit einem glücklichen Menschen", bilanzierte einmal Ehefrau Eva.

Und Klammer wäre nicht Klammer, würde nicht auch gern und ausgiebig gefeiert: So auch anlässlich des 50er-Olympia-Jubiläums. So lädt die Klammer Foundation am Dienstag, zu einem Charity-Dinner nach Innsbruck-Igls und steht am Mittwoch unter anderem ein Legendenrennen am Patscherkofel am Programm - mit Bernhard Russi inklusive. Alles für den guten Zweck. Und in fröhlicher Erinnerung an jenen Tag, der sein Leben für immer veränderte.

Österreichs prominenteste Abwesende bei Olympia 2026


Kommentare