von Daniela Kulovits
"In der Sportwelt gibt es nichts Vergleichbares. Olympische Spiele sind die größte Bühne, die man haben kann", sagt Anna Gasser.
In Mailand/Cortina steht die Kärntner Snowboard-Queen zum vierten und letzten Mal auf dieser Bühne. Nach dem achten Platz im Big Air folgt am Dienstag im Slopestyle (13 Uhr im LIVE-Ticker) der allerletzte große Run ihrer Karriere.
Bereit, Grenzen zu verschieben
Gasser ist nicht die klassische Snowboarderin. Erst mit 18 Jahren stellt sie vom Kunstturnen aufs Brett um – vergleichsweise spät für eine, die später die Welt dominieren sollte. Doch vielleicht ist genau das ihr Vorteil. Sie bringt Körperbeherrschung, Mut und ein außergewöhnliches Gefühl mit.
Eigenschaften, die sie in einer Sportart braucht, die sich rasend schnell entwickelt. Die Konkurrenz ist jünger geworden, hungriger. Das Niveau wird immer weiter nach oben geschraubt.
Gasser ist eine Performerin. Sie sagt über sich selbst, sie musste sich im Laufe ihrer Karriere drei Mal komplett neu erfinden. Stets bereit, Grenzen zu verschieben.
Die Königin
2013 gelingt ihr als erster Frau ein Cab Double Cork 900, ein doppelter Rückwärtssalto mit zweieinhalb schraubenförmigen Drehungen.
2018 in Pyeongchang holt sie das erstmals überhaupt im Big Air vergebene Olympia-Gold und trägt sich damit in die Sport-Geschichtsbücher ein. 2022 in Peking wiederholt Gasser den Olympiasieg. Die Kärntnerin wird zur "Königin" des Big Air.
Sie hat den Sport groß gemacht, ist Taktgeberin einer Generation, die heute Tricks zeigt, die ohne sie vielleicht später gekommen wären.
Es ist diese Mischung aus Pioniergeist und Professionalität, die Gasser so besonders macht. Sie war nie nur Mitläuferin einer Entwicklung. Sie ist Treiberin, hat das Frauen-Snowboarden spektakulärer, technischer, selbstbewusster gemacht. Und dabei nie den Spaß verloren, der diesen Sport ausmacht.
Mit Platz acht im Big Air bei den Olympischen Spielen in Mailand/Cortina hat Gasser die Krone an die nächste Generation weitergereicht.
Die letzte Krönung?
Im Slopestyle will sie sich diese zum Abschluss ihrer Karriere erstmals aufsetzen. 2015 holte die Kärntnerin in dieser Disziplin am Kreischberg WM-Silber, 2017 gewann sie Gold bei den X-Games. Eine Olympia-Medaille im Slopestyle fehlt Gasser noch.
"Wenn ich eine Medaille im Slopestyle machen würde, hätte es für mich einen höheren Stellenwert als im Big Air", sagte Gasser schon vor Beginn der Spiele.
Zuletzt gefallener Neuschnee hat das Wettkampf-Areal in Livigno noch langsamer als ohnehin erwartet gemacht, kein Vorteil für Leichtgewicht Gasser. Im Finale könne aber alles passieren, betont sie nach Platz fünf in der Qualifikation. "Wenn es eine Medaille wäre, wäre es natürlich eine Krönung", sagt Gasser.
Vielleicht wird es noch einmal ein perfekter Run. Vielleicht auch nicht. Unabhängig vom Resultat: Anna Gasser hat den Freestyle-Snowboard-Sport geprägt. Sie verdient sich den Abschied auf der größtmöglichen Bühne.