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Sumann: Warum der Abschied von Hauser & Eder befreiend sein kann

Hauser weg, Eder weg: Bei LAOLA1 erzählt der Spartenchef, wie er die Zukunft plant und wie er die abgelaufene Saison bewertet.

Sumann: Warum der Abschied von Hauser & Eder befreiend sein kann Foto: © GEPA

Er war der erfolgreichste Weltcup-Athlet, den Österreich je hervorgebracht hat. Seit dem Vorjahr leitet er die Biathlon-Sparte im ÖSV: Christoph Sumann.

Rund zwei Wochen nach Ende der Saison hat er sich Zeit für ein Gespräch mit LAOLA1 genommen.

In diesem blickt er auf die abgelaufene Saison zurück und spricht - offen und direkt, wie man ihn kennt - die zahlreichen Problemfelder, aber auch einige erfreuliche Entwicklungen an.

Zudem verrät er, dass es auf dem Trainersektor durchaus Veränderungen geben könnte, wie es um die Zukunft von David Komatz und Simon Eder steht und warum die Karriereenden des 43-Jährigen sowie von Lisa Hauser auch eine Chance sind, die man nutzen muss.

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LAOLA1: Vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst. Die Biathlon-Saison ging vor zwei Wochen zu Ende. Womit warst du in dieser Saison am meisten zufrieden?

Christoph Sumann: Es hat mich gefreut, dass Lisa Hauser ein Weltcuprennen gewonnen hat (Verfolgung in Östersund, Anm.) und so in den elitären Kreis aufgestiegen ist, in jeder Disziplin ein Rennen gewonnen zu haben. Das war das Highlight. Außerdem durften wir auf jeder Ebene (Weltcup, IBU-Cup, Junior-Cup, Anm.) Siege feiern. Im Junior-Cup haben wir mit Thomas Marchl auch einen Gesamtsieger. Auch die Bilanz bei der Jugend- und Junioren-WM war sehr erfreulich (2x Gold, 1x Silber, 2x Bronze, Anm.). Bei Olympia war Anna Andexer mit zwei Top-Ten-Rängen bärenstark.

LAOLA1: Und womit warst du am meisten unzufrieden?

Sumann: Wir haben bei den Männern ziemlich den Anschluss verloren. Vom 43-jährigen Simon Eder darf man sich keine Wunderdinge erwarten. Und trotzdem mussten wir froh sein, ihn zu haben. Es ist dem restlichen Team nicht gelungen, ihm seine Vormachtstellung streitig zu machen.

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Fabian Müllauer: Die (einzige?) Hoffnung im Männer-Team?
Foto: ©GEPA

LAOLA1: Am ehesten ist das noch Fabian Müllauer gelungen. Er ist aus meiner Sicht auch der Athlet mit dem größten Potenzial.

Sumann: Er bringt die größten läuferischen Kapazitäten mit. Er hat aber am Schießplatz noch sehr viel Luft nach oben. Es ist gut, dass er hohe Ansprüche an sich selbst hat. Er ist aber schnell sehr enttäuscht von sich, wenn es nicht nach Wunsch läuft. Mit diesen Dingen musst du umgehen lernen, auf diesem Niveau wird es nicht immer nur Positives geben. Er hatte auch bei Olympia einen schlechten Start und hat sich dann aber immer weiter gesteigert. Im letzten Trimester war er dadurch um einiges befreiter. Alles in allem hat er einen Schritt nach vorne gemacht, auch wenn sich das in den Ergebnissen noch nicht voll widerspiegelt. Hinter Fabian klafft allerdings eine Lücke.

LAOLA1: Weil es sonst keinen Athleten mit ähnlichem läuferischem Potenzial gibt.

Sumann: Den haben wir derzeit einfach nicht. Jeder Athlet ist in dieser Hinsicht trainierbar und kann sich verbessern. Aber irgendwann ist der Plafond erreicht.

Ich weiß nicht, ob er sich in der Cheftrainer-Rolle so wohlfühlt.

Sumann über Männer-Coach Ludwig Gredler

LAOLA1: Wie zufrieden bist du mit Luggi Gredler, der seine erste Saison als Cheftrainer absolviert hat?

Sumann: Er war ja zu aktiven Zeiten mein Mannschaftskollege. Da weiß ich, was ich bekomme. Er ist ein unermüdlicher und sehr gewissenhafter Arbeiter. Ich weiß aber nicht, ob er sich in der Cheftrainer-Rolle so wohlfühlt. Er hatte ja selbst Bedenken, ob er diesen Posten übernehmen soll.

LAOLA1: Wird er bis zur Heim-WM 2028 Cheftrainer bleiben oder denkt ihr über eine Veränderung nach?

Sumann: Das wird sich zeigen.

LAOLA 1: Das heißt also, eine Veränderung ist denkbar. Bis wann wollt ihr euch entscheiden?

Sumann: Ich habe mir bis nach Ostern Zeit erbeten.

Bei den Männern hat ein Großteil die Kaderrichtlinien nicht erreicht. Der Einzige, der es geschafft hat, ist Simon Eder - und er hat aufgehört.

Christoph Sumann

LAOLA1: Die Kader für die kommende Saison sollen Anfang Mai fix sein. Wie weit seid ihr da schon?

Sumann: Die Kader sind bestellt. Bei den Männern hat ein Großteil die Kaderrichtlinien nicht erreicht. Der Einzige, der es geschafft hat, ist Simon Eder - und er hat aufgehört. Somit muss per Trainerentscheid bestimmt werden, wen wir weiter auf die Reise mitnehmen. Das waren hitzige Diskussionen. Der Kaderstatus ist nicht für jedermann gedacht und auch nicht so leicht zu erreichen. Genau das ist ja auch der Sinn dahinter. Wir haben uns folgende Fragen gestellt: Wen brauchen wir auf welcher Ebene? Bei wem sehen wir noch wie viel Potenzial? Wer hat auch das richtige Alter? Wer kann eine Mannschaft mitreißen und ein Mentor sein?

LAOLA1: Einer, für den die Rolle als Mentor wie gemacht wäre, ist David Komatz. Er hat ja in der jüngeren Vergangenheit auch mit einem Karriereende kokettiert. Weiß man schon, wie es bei ihm weitergeht?

Sumann: Er hat noch keine Entscheidung getroffen. Er möchte einmal abwarten, welche Veränderungen sich bei ihm, aber auch bei uns noch auftun und möchte dann eine Entscheidung treffen.

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Hinter der Zukunft von David Komatz steht (noch) ein Fragezeichen.
Foto: ©GEPA

LAOLA1: Was wäre aus heutiger Sicht in der kommenden Saison beim Männer-Team als Erfolg zu werten? Die Top 25?

Sumann: Aktuell schon. Wenn man sich die Leistungen der vergangenen Saison ansieht, ist Simon mit Abstand am weitesten vorne. Für den Rest war es schwierig, es in die Weltcuppunkte zu schaffen. Das Ziel sollte schon sein, dass die arrivierten, aber auch die jungen Athleten in diesen Bereich vorstoßen. Wenn Fabian (Müllauer, Anm.) sich läuferisch so weiterentwickelt und wir ihn im Schießen stabilisieren, dann kann er genau das schaffen.

LAOLA1: Aber ich nehme an, dein Plan ist ohnehin längerfristig ausgelegt.

Sumann: Ich denke größer. Bis zur kommenden Saison werden keine Wunderdinge passieren und auch 2028 ist schon relativ kurzfristig. Ich plane derzeit eine "Future-Gruppe".

LAOLA1: Was kann man sich darunter konkret vorstellen?

Sumann: Junge Athleten mit Potenzial, vor allem im läuferischen Bereich. Denn auf diese müssen wir setzen.

Es war klar, dass ich in der kurzen Zeit vor Olympia keine Bäume ausreißen und keine neuen Strukturen schaffen kann.

Christoph Sumann

LAOLA1: Das heißt, ihr arbeitet als Verband aktiv an entsprechenden Rahmenbedingungen, um der Weltspitze wieder näher zu kommen?

Sumann: Ja, und es ist auch höchste Zeit dafür. Die erste Saison war für mich wichtig hinsichtlich Beobachtung. Es war klar, dass ich in der kurzen Zeit vor Olympia keine Bäume ausreißen und keine neuen Strukturen schaffen kann. Das Ziel ist die Periode 2028 bis 2030 und wie wir vor allem das Männer-Team wieder näher an die Spitze bringen können. Deswegen geben wir uns bewusst Zeit in der Trainerfrage.

LAOLA1: Wenn wir zu den Frauen blicken - fällt da die Bilanz ein wenig erfreulicher aus?

Sumann: Ja, das ist definitiv so. Der Großteil hat, wie die Analyse zeigt, in verschiedenen Bereichen kleine Schritte nach vorne gemacht. Wir sind, jetzt wo Lisa (Hauser, Anm.) weg ist, eine sehr junge Truppe mit sehr viel Potenzial. Dieses muss aber irgendwann auch ausgeschöpft werden. Mit Lisa und Simon haben die beiden Gallionsfiguren aufgehört. Das birgt für alle Nachkommenden eine riesige Chance. Sie müssen jetzt Verantwortung übernehmen.

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Die Abschiede Lisa Hauser und Simon Eder können aus Sumanns Sicht auch befreiend wirken
Foto: ©GEPA

LAOLA1: Der große Schatten der beiden fällt somit weg. Das kann auch eine befreiende Wirkung haben. Wie siehst du das?

Sumann: Ich denke, es ist eine große Chance, aus dem Windschatten herauszutreten. Es mag sein, dass manche oder mancher sich vielleicht darauf verlassen hat, dass die "Stars" liefern müssen und man selbst nicht so unter Zugzwang steht. Jetzt liegt der Druck auf ihnen und damit müssen sie lernen, umzugehen. Das ist Herausforderung und Chance zugleich.

LAOLA1: Glaubst du, dass es sogar gut ist, dass es keine alleinigen Zugpferde mehr gibt? Dass es mehrere gibt, die sich um die Spitze innerhalb des Teams matchen, kann eigentlich nur positiv sein.

Sumann: Das sehe ich ähnlich. Das war bei uns damals, zu meiner aktiven Zeit, auch so. Wenn alle auf einem ähnlichen Niveau sind und du in der Gruppe trainierst, kann eine unglaubliche Energie entstehen. Da musst du den Extrameter gehen. Das müssen wir nutzen.

LAOLA1: Um nochmals kurz über Lisa Hauser zu sprechen. Julian Eberhard hat kürzlich gesagt, er hätte sich gewünscht, dass man Lösungen findet, sie wieder ins Team zu integrieren und ihr einen Plan aufzuzeigen, um sie für 2028 zu motivieren. Hat man das beim ÖSV verabsäumt oder wäre das Karriereende ohnehin nicht "vermeidbar" gewesen?

Sumann: Ich kann sehr gut mit Lisa. Meine erste Amtshandlung im Vorjahr war, mit Lisa zu sprechen, um sie wieder ins Team zurückzuholen. Wir hatten ein langes Gespräch. Für sie war das unter diesen Voraussetzungen nicht machbar. Man kann nicht für eine Athletin das Team formen, das muss ich für alle Athletinnen tun. Sie wollte ihren Weg weitergehen und wir wollten sie dabei so gut wie möglich unterstützen. Hätte sie sich entschieden, weiterzumachen, hätte ich auch heuer wieder versucht, sie zurückzuholen.

Über kurz oder lang muss das aber gelingen, sonst bist du chancenlos.

Sumann über das Umsetzen der Trainingsleistungen im Wettkampf

LAOLA1: Bei einigen Fans herrscht die Stimmung vor, dass es vielleicht gut wäre, seine Erwartungshaltung für die unmittelbare Zukunft (weiter) zurückzuschrauben, wenn Hauser und Eder nicht mehr da sind. Stimmst du dem zu?

Sumann: Lisa hat (diese Saison, Anm.) zwar ein Rennen gewonnen, aber insgesamt waren die anderen Athletinnen nicht so weit weg von ihr. Ich erhoffe und erwarte mir auch den nächsten Schritt der Nachkommenden. Fakt ist, dass wir in der Trefferquote und in der Schießgeschwindigkeit ansetzen müssen. Das können sie noch nicht vom Training auf den Wettkampf ummünzen. Da haben wir insbesondere bei den Frauen noch Entwicklungspotenzial.

Es gibt eine Benchmark, welche die Besten vorgeben. Da kommst du nicht von heute auf morgen hin, sondern nur Step by Step. Zuerst musst du an der Trefferleistung arbeiten, dann an der Geschwindigkeit. Im Training können sie das, es fehlt im Wettkampf aber noch das Selbstvertrauen dafür. Über kurz oder lang muss das aber gelingen, sonst bist du chancenlos.

Ich habe schon mit ihm gesprochen

Sumann über eine Trainertätigkeit von Simon Eder

LAOLA1: Welche Schritte setzt ihr als Verband, um das zu befördern oder zu beschleunigen?

Sumann: Ich weiß nicht, ob man es beschleunigen kann. Es geht nur über harte Arbeit, einen guten Plan, eine gute Struktur und dass die Athletinnen und Athleten das annehmen und mitziehen. Und ich betone nochmals: Es wird diesen Extrameter brauchen.

LAOLA1: Ich habe während der Saison mit Simon Eder gesprochen. Dabei hat er signalisiert, dass ihn ein Job als Schießtrainer durchaus reizen würde. Steht das bei dir auf der To-Do-Liste?

Sumann: Ich habe schon mit ihm gesprochen. Wenn du die Möglichkeit hast, jemanden, der das Schießen mit revolutioniert hat, als Trainer zu gewinnen, dann darfst du dir diese Chance nicht durch die Lappen gehen lassen. Simon war in den letzten 20 Jahren der beste Schütze, er ist ein Tüftler und hat sich immer weiterentwickelt. Wenn ich das versäumen würde, einen wie ihn ins Boot zu holen, würde ich einen großen Fehler machen.

LAOLA1: Damit kommen wir langsam zum Schluss. Ein Thema müssen wir aber natürlich noch ansprechen.

Sumann: Ich weiß schon, was du meinst (lacht).

LAOLA1: Ganz richtig, wir sprechen vom Material. Würdest du sagen, dass man sich in diesem Bereich im vergangenen Jahr verbessern konnte?

Sumann: Ich denke, es war im Durchschnitt besser. Wir hatten Stationen, wo wir unsere Probleme hatten, aber auch welche, wo es gut lief. Bei Olympia war es nicht ganz schlecht, wir waren aber auch nicht beim Top-Material dabei. Wir haben in diesem Bereich aber sicher Aufholbedarf und da wird es Veränderungen geben.

LAOLA1: Vielen Dank für das Gespräch.

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